Wie können Regionen vom Ausbau der Windenergie profitieren? Wie lassen sich Tourismus, regionale Wertschöpfung und erneuerbare Energien miteinander verbinden? Und welche Rolle spielen Beteiligung und Kommunikation, wenn Veränderungen vor Ort auf unterschiedliche Interessen treffen?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Reise nach Lettland, bei der EE.SH Erfahrungen aus Schleswig-Holstein in den internationalen Austausch einbrachte. Neben einer Windenergiekonferenz in Kocēni in der Gemeinde Valmiera gehörten dazu auch Gespräche mit internationalen Partnerinnen und Partnern in Riga.
Auf Einladung der Latvian Wind Energy Association nahm Heike Winkler für die Netzwerkagentur Erneuerbare Energien Schleswig-Holstein (EE.SH) und die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordfriesland mbH an der Konferenz „How (can) wind become a driving force for regional development?“ teil.
Die Veranstaltung am 11. September 2026 brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunen, Politik, Wirtschaft und lokalen Gemeinschaften zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, was Windenergieprojekte konkret für die Regionen bedeuten, in denen sie entstehen: von Arbeitsplätzen, Steuereinnahmen und Investitionen bis hin zu den Auswirkungen auf Landschaft, Landwirtschaft, Tourismus und das Leben vor Ort. Erfahrungen aus Lettland, Deutschland, Dänemark, Finnland, Großbritannien und den Niederlanden eröffneten dabei unterschiedliche europäische Perspektiven.
In ihrem Vortrag „How Wind Farms Affect Tourism or how participation can create acceptance – The German Experience“ stellte Heike Winkler Erfahrungen aus Schleswig-Holstein und insbesondere aus Nordfriesland vor.
Die Region eignet sich für diese Fragestellung besonders: Nordfriesland gehört zu den tourismusintensiven Regionen Schleswig-Holsteins und ist gleichzeitig stark von der Windenergie geprägt. Rund 30 Prozent der Windenergieanlagen Schleswig-Holsteins stehen laut den im Vortrag präsentierten Daten in Nordfriesland. 2025 verzeichnete der Kreis zugleich rund zwei Millionen Gäste und mehr als zehn Millionen Übernachtungen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Windenergie und Tourismus automatisch konfliktfrei nebeneinander bestehen. Windenergieanlagen verändern Landschaften und können von Stränden, Radwegen oder Unterkünften aus sichtbar sein. Hinzu kommen Fragen des Natur- und Artenschutzes, mögliche Belastungen für Anwohnerinnen und Anwohner und nicht zuletzt die Frage, wer den wirtschaftlichen Nutzen eines Windparks erhält.
Auch die im Vortrag vorgestellten wissenschaftlichen Untersuchungen zeichnen ein differenziertes Bild. Eine Untersuchung des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa aus dem Jahr 2014 ergab, dass 65 Prozent der befragten Gäste Windenergieanlagen während ihres Urlaubs wahrgenommen hatten. 6,3 Prozent empfanden sie als störend, 1,1 Prozent gaben an, aufgrund der Anlagen nicht wiederkommen zu wollen. Eine weitere Untersuchung der Leibniz Universität Hannover verweist zugleich auf mögliche lokale Verlagerungseffekte und darauf, dass unter anderem Entfernung, Anordnung der Anlagen und der Charakter der jeweiligen Landschaft eine Rolle spielen.
Die Erfahrungen aus Schleswig-Holstein zeigen deshalb vor allem eines: Entscheidend ist, wie Windenergie in einer Region umgesetzt wird.
Drei Aspekte standen dabei im Mittelpunkt des Vortrags: Wertschöpfung, Beteiligung und Integration.
Regionale Wertschöpfung kann entstehen, wenn Kommunen von Einnahmen profitieren, lokale Unternehmen in Planung, Bau oder Betrieb eingebunden werden und wirtschaftliche Effekte vor Ort verbleiben. Bürgerwindmodelle eröffnen darüber hinaus Möglichkeiten, Menschen unmittelbar an Windenergieprojekten zu beteiligen.
Gleichzeitig braucht es eine räumliche Planung, die sensible Landschaften, Natur- und Artenschutz sowie touristisch besonders wichtige Bereiche berücksichtigt. Beteiligungsprozesse geben Anwohnerinnen und Anwohnern die Möglichkeit, ihre Perspektiven und Bedenken einzubringen.
Damit wird Akzeptanz nicht allein zu einer Frage der Kommunikation. Planung, Beteiligung und die Verteilung des Nutzens eines Projekts gehören zusammen. In ihrem Vortrag griff Heike Winkler deshalb auch sozialpsychologische Aspekte von Akzeptanz und Reaktanz auf. Transparenz, glaubwürdige Kommunikation und gesellschaftlicher Dialog können dazu beitragen, unterschiedliche Perspektiven frühzeitig einzubeziehen.
Die Reise bot auch über das Konferenzprogramm hinaus Gelegenheit zum internationalen Austausch. Heike Winkler führte unter anderem Gespräche mit Lasma Livzeniece, Executive Director, und Katrina Duka-Gulbe, Deputy Executive Director der Latvian Wind Energy Association. Hinzu kamen Kontakte zu Heike Jantsch von der Deutschen Botschaft in Riga, zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sowie zu Indra Freiberga von der niederländischen Botschaft. Auch am Folgetag wurde der Austausch in Riga fortgesetzt.
Für EE.SH liegt gerade darin ein wichtiger Wert solcher Begegnungen: Regionen stehen bei der Umsetzung der Energiewende vor unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, viele der dahinterliegenden Fragen ähneln sich jedoch. Wie können Menschen beteiligt werden? Wie bleibt Wertschöpfung vor Ort? Wie werden unterschiedliche Nutzungsinteressen berücksichtigt? Und wie kann Veränderung so kommuniziert werden, dass verschiedene gesellschaftliche Perspektiven tatsächlich Teil des Prozesses werden?
Der Austausch in Lettland bot die Möglichkeit, Erfahrungen aus Schleswig-Holstein weiterzugeben und zugleich andere europäische Perspektiven kennenzulernen. Denn ob Windenergie zu einem Motor regionaler Entwicklung werden kann, entscheidet sich nicht allein an der Zahl neuer Anlagen. Es geht ebenso darum, wie die Menschen und Regionen, in denen diese Anlagen entstehen, an der Entwicklung beteiligt werden.
Alle Bilder © Lauma Kalnina